Service-Märkte der Zukunft brauchen Sinn und Orientierung

Im Reich der Super-Nannies

Rubrik:  TITELTHEMA  Autor:  Klaus Holling   Ausgabe: 01/02-2010
Coachs, Personaltrainer und Lebensberater haben Hochkonjunktur. Yoga- und NLP-Kurse verzeichnen große Teilnehmerzahlen. Das Reich der Super-Nannies ist gefragt. Gerade in Krisenzeiten suchen Menschen nach Sinn. In den nächsten Jahren werden sich „Sinnmärkte“ entwickeln, bei denen Lebensqualität und Selbstverwirklichung im Mittelpunkt stehen. Der Gesundheitsmarkt gehört mit Sicherheit dazu.

Als im Spätsommer 2008 die deutsche Fußball-Nationalmannschaft unter den Augen von vier Buddha-Statuen trainierte, die auf dem Dach des Super-Trainings- und Wellbeing-Zentrums standen, schien ein Weltbild ins Wanken zu geraten. Buddha in Bayern – fernöstliche Spiritualität statt deutschem Sportgeist. Presseberichten zufolge war es der damalige Fußball-Nationaltrainer Jürgen Klinsmann selbst, der Buddha in Bayern installieren ließ. Erst später stellte sich heraus, dass es doch nicht Klinsmann war, sondern die Idee eines Architekten. Dennoch: Die versteckte Botschaft entspricht dem heutigen Zeitgeist: Selbst der Profifußball orientiert sich an erweiterten Horizonten und befindet sich auf der Sinnsuche.


Langsam aber stetig


Dass Menschen gerade in Krisenzeiten auf Sinnsuche sind, ist nichts Ungewöhnliches. Neu an der derzeitigen Situation ist allerdings die Tatsache, dass sich daraus langsam aber sicher auch Veränderungen im Konsumverhalten ergeben. Laut einer aktuellen Studie bevorzugen 60 Prozent aller Befragten Bio-Produkte. Dass im Augenblick aber nur in jedem achten Einkaufskorb tatsächlich ein solches Bio-Produkt zu finden ist, steht auf einem anderen Blatt. Aber der Wille, in Sachen Gesundheit und Lebensqualität etwas für sich und seine Lieben zu tun, ist ungebrochen. Und das bis ins hohe Alter. 68 Prozent der befragten Seniorinnen und Senioren über 70 Jahre gaben in einer Studie an, sich regelmäßig zu bewegen oder sogar Sport zu treiben. Es geht also immer mehr darum, nicht dem Leben mehr Jahre zu geben, sondern den Jahren mehr Leben. Und auch die junge Generation scheint sich, zumindest in Teilen, an dem Sinnprojekt „gesundes Leben“ immer mehr zu beteiligen. Die Fitness-Studios verzeichneten im vergangenen Jahr einen Mitgliederzuwachs an jüngerem Publikum von rund 20 Prozent. Die Quintessenz aus diesen Trends lautet: Prophylaxe, Prävention und Sicherung der Lebensqualität werden die Stichworte sein, an denen sich der Gesundheitsmarkt der Zukunft orientieren wird, beziehungsweise an dem er sich messen lassen muss. Was bedeutet für die einzelne Apotheke?


Zunahme der Regionalität


Glaubt man den Zukunftsforschern, wird der Wunsch nach „Heimat“ und dem echten Produkt von nebenan wieder zunehmen. Schon jetzt ist durch eine Vielzahl von Untersuchungen belegt, dass mehr als die Hälfte der Deutschen regionalen Produkten den Vorzug geben. Für Apotheken würde das bedeuten, sich verstärkt Eigenmarken zuzuwenden und vermehrt regionale Dienstleistungen anzubieten. Dazu gehören auf der einen Seite Screenings und Gesundheitstests, auf der anderen Seite Informationsangebote wie die individuelle „Apothekensprechstunde“ oder den Informationsabend für einen bestimmten Kundenkreis. Natürlich konkurriert im letzteren Fall die Apotheke mit anderen Anbietern wie beispielsweise Kliniken oder Fachhochschulen. Die Bereitschaft sich über Gesundheitsthemen zu informieren war aber auch noch nie so hoch wie im Augenblick. Die Apotheke hat hierbei einen sehr großen Vorteil: Während andere noch sehr langsam eine Kundenbindung aufbauen müssen, profitieren hier die meisten Apotheken von einer bestehenden Bindung – teilweise über Jahre.


Vom Berater zum Begleiter


Gesundheit ist zukünftig nicht mehr nur das Gegenteil von Krankheit sondern weit mehr. Gesundheit wird von immer mehr Menschen als ein hohes Gut betrachtet, das es zu bewahren gilt. Prophylaxe wird dementsprechend ein großes Thema sein, das sich auch im Apothekenbereich als Serviceangebot wiederfinden muss. Dabei geht es nicht um eine sporadische Beratung, sondern um eine kontinuierliche Betreuung wenn nicht sogar Begleitung über einen längeren Zeitraum. Die Aktion „Leichter leben in Deutschland“ hat dies in den letzten Jahren richtungsweisend gezeigt: Kontinuität auf hohem Niveau. Fitness, Sport und Ernährung sind aber nur drei von vielen Themen, die zukünftig in der Apotheke eine wichtige Rolle spielen werden. Knochen, Rücken, Venen usw. sind nur Beispiele, die als mögliche Themen in Frage kommen. Entscheidend wird hier sein, dass die Apotheke für ihre Kunden ein Konzept entwickelt, das sich themenbezogen aus unterschiedlichen Angeboten, Maßnahmen und Serviceleistungen zusammensetzt.


Der Apotheker als Netzpartner


Gesundheit ist zukünftig immer mehr ein ganzheitliches Thema. Die Apotheke wird dabei nur ein Baustein sein – wenn auch ein sehr wichtiger. Gesundheitsbewusste Menschen werden sich unterschiedliche Anbieter suchen, um sich körperlich wie geistig fit zu halten: Angefangen vom persönlichen Coach, über Kurse zur Sinn- bzw. Lebensfindung bis hin zu Massagen, Wellness- und Fitnessangeboten reicht der Bogen, den gesundheitsbewusste Menschen zukünftig nutzen werden. Entscheidend wird es für die einzelne Apotheke sein, sich als Gesundheitsberater und Gesundheitsanbieter in diesen Kreis einzureihen. Besser wäre: Die Apotheke ist nicht nur ein Netzwerkpartner, sondern sogar der Initiator dieses Systems aus unterschiedlichen Partnern im Gesundheitswesen. Aber auch im Krankheitsfall könnte ein entsprechendes Netzwerk Betroffene und Angehörige auffangen Ein gutes Beispiel hierfür ist eine Hamburger Apotheke, die ein Rundum-Sorglos-Paket mit rund 15 anderen Dienstleistern initiierte, das bei einem plötzlichen Pflegefall optimale Hilfe und Versorgung garantiert.


Innovation als Geschäftszweck


Egal ob präventiv oder rehabilitierend, für die körperliche oder seelische Gesundheit – Innovationen werden zukünftig den Markt bestimmen und sich in den Alltag der Verbraucher integrieren. Das „Herz-Handy“ mit eingebauter EGK-Aufzeichnung und andere mobile Betreuungssysteme werden zukünftig wie selbstverständlich zum gängigen Angebot im Gesundheitsmarkt gehören. In Amerika testet man zurzeit Mobiltelefone, die in Sachen Diagnostik an kleine Mini-Heim-Labore grenzen. Selbst die Einnahme- beziehungsweise Nichteinnahme von Arzneimitteln – wichtig zum Beispiel bei allein lebenden älteren Menschen - kann heute bereits mittels einer interaktiven Medikamentenbox via Tele-Netz an ein Servicecenter übermittelt werden. Für die einzelne Apotheke ist es wichtig, sich den Innovationen zu öffnen und auf diesen Zug rechtzeitig aufzuspringen. Internet und andere mediale Kommunikationsformen werden hierbei ebenfalls eine wichtige Rolle spielen. Zukünftig kommt nicht mehr allein der Kunde in die Apotheke, sondern die Apotheke auch zum Kunden.